Quelle

Zur Elektrodynamik bewegter Körper

von A. Einstein

Annalen der Physik (4) 17, 891–921 (1905).

[p. 891]
Zur Elektrodynamik bewegter Körper;
[p. 891]
von A. Einstein.

[p. 892]I. Kinematischer Teil.

[p. 895]§ 2. Über die Relativität von Längen und Zeiten.

[p. 895]Die folgenden Überlegungen stützen sich auf das Relativitätsprinzip und auf das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit, welche beiden Prinzipien wir folgendermaßen definieren.
1. Die Gesetze, nach denen sich die Zustände der physikalischen Systeme ändern, sind unabhängig davon, auf welches von zwei relativ zueinander in gleichförmiger Translationsbewegung befindlichen Koordinatensystemen diese Zustandsänderungen bezogen werden.
2. Jeder Lichtstrahl bewegt sich im „ruhenden“ Koordinatensystem mit der bestimmten Geschwindigkeit VV, unabhängig davon, ob dieser Lichtstrahl von einem ruhenden oder bewegten Körper emittiert ist. Hierbei istGeschwindigkeit=LichtwegZeitdauer,\text{Geschwindigkeit} = \frac{\text{Lichtweg}}{\text{Zeitdauer}} ,Explain this equation wobei „Zeitdauer“ im Sinne der Definition des § 1 aufzufassen ist.

Explained in A length is a specified pair of events

[pp. 895–896]Es sei ein ruhender starrer Stab gegeben; derselbe besitze, mit einem ebenfalls ruhenden Maßstabe gemessen, die Länge ll. Wir denken uns nun die Stabachse in die XX-Achse des ruhenden Koordinatensystems gelegt und dem Stabe hierauf eine gleichförmige Paralleltranslationsbewegung (Geschwindigkeit vv) längs der XX-Achse im Sinne der wachsenden xx erteilt. Wir fragen nun nach der Länge des bewegten Stabes, welche wir uns durch folgende zwei Operationen ermittelt denken:
a) Der Beobachter bewegt sich samt dem vorher genannten Maßstabe mit dem auszumessenden Stabe und mißt direkt durch Anlegen des Maßstabes die Länge des Stabes, ebenso, wie wenn sich auszumessender Stab, Beobachter und Maßstab in Ruhe befänden.
b) Der Beobachter ermittelt mittels im ruhenden Systeme aufgestellter, gemäß § 1 synchroner, ruhender Uhren, in welchen Punkten des ruhenden Systems sich Anfang und Ende des auszumessenden Stabes zu einer bestimmten Zeit tt befinden.
Die Entfernung dieser beiden Punkte, gemessen mit dem schon benutzten, in diesem Falle ruhenden Maßstabe ist ebenfalls eine Länge, welche man als „Länge des Stabes“ bezeichnen kann.

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[p. 896]Nach dem Relativitätsprinzip muß die bei der Operation a) zu findende Länge, welche wir „die Länge des Stabes im bewegten System“ nennen wollen, gleich der Länge ll des ruhenden Stabes sein.

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[p. 896]Die bei der Operation b) zu findende Länge, welche wir „die Länge des (bewegten) Stabes im ruhenden System“ nennen wollen, werden wir unter Zugrundelegung unserer beiden Prinzipien bestimmen und finden, daß sie von ll verschieden ist.

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[p. 896]Die allgemein gebrauchte Kinematik nimmt stillschweigend an, daß die durch die beiden erwähnten Operationen bestimmten Längen einander genau gleich seien, oder mit anderen Worten, daß ein bewegter starrer Körper in der Zeitepoche tt in geometrischer Beziehung vollständig durch denselben Körper, wenn er in bestimmter Lage ruht, ersetzbar sei.

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[p. 896]Wir denken uns ferner an den beiden Stabenden (AA und BB) Uhren angebracht, welche mit den Uhren des ruhenden Systems synchron sind, d. h. deren Angaben jeweilen der „Zeit des ruhenden Systems“ an den Orten, an welchen sie sich gerade befinden, entsprechen; diese Uhren sind also „synchron im ruhenden System“.

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[pp. 896–897]Wir denken uns ferner, daß sich bei jeder Uhr ein mit ihr bewegter Beobachter befinde, und daß diese Beobachter auf die beiden Uhren das im § 1 aufgestellte Kriterium für den synchronen Gang zweier Uhren anwenden. Zur Zeit[1)] tAt_A gehe ein Lichtstrahl von AA aus, werde zur Zeit tBt_B in BB reflektiert und gelange zur Zeit tA′t'_A nach AA zurück. Unter Berücksichtigung des Prinzipes von der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit finden wir:tB−tA=rABV−vt_B - t_A = \frac{r_{AB}}{V - v}Time in the stationary systemTime in the stationary systemLength of the moving rodSpeed of lightSpeed of the moving systemExplain this equation undtA′−tB=rABV+v,t'_A - t_B = \frac{r_{AB}}{V + v} ,Time in the stationary systemTime in the stationary systemLength of the moving rodSpeed of lightSpeed of the moving systemExplain this equation wobei rABr_{AB} die Länge des bewegten Stabes — im ruhenden System gemessen — bedeutet. Mit dem bewegten Stabe bewegte Beobachter würden also die beiden Uhren nicht synchron gehend finden, während im ruhenden System befindliche Beobachter die Uhren als synchron laufend erklären würden.

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[p. 897]Wir sehen also, daß wir dem Begriffe der Gleichzeitigkeit keine absolute Bedeutung beimessen dürfen, sondern daß zwei Ereignisse, welche, von einem Koordinatensystem aus betrachtet, gleichzeitig sind, von einem relativ zu diesem System bewegten System aus betrachtet, nicht mehr als gleichzeitige Ereignisse aufzufassen sind.

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[p. 921]
Zum Schlusse bemerke ich, daß mir beim Arbeiten an dem hier behandelten Probleme mein Freund und Kollege M. Besso treu zur Seite stand und daß ich demselben manche wertvolle Anregung verdanke.
[p. 921]
Bern, Juni 1905.
[p. 921]
(Eingegangen 30. Juni 1905.)

Fußnoten

  1. 1) „Zeit“ bedeutet hier „Zeit des ruhenden Systems“ und zugleich „Zeigerstellung der bewegten Uhr, welche sich an dem Orte, von dem die Rede ist, befindet“. ↩

    Explained in A length is a specified pair of events

Page 891 as printed in Annalen der Physik, volume 17.
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