Quelle

Zur Elektrodynamik bewegter Körper

von A. Einstein

Annalen der Physik (4) 17, 891–921 (1905).

[p. 891]
Zur Elektrodynamik bewegter Körper;
[p. 891]
von A. Einstein.

[p. 892]I. Kinematischer Teil.

[p. 903]§ 4. Physikalische Bedeutung der erhaltenen Gleichungen, bewegte starre Körper und bewegte Uhren betreffend.

[p. 903]Wir betrachten eine starre Kugel[1)] vom Radius RR, welche relativ zum bewegten System kk ruht, und deren Mittelpunkt im Koordinatenursprung von kk liegt. Die Gleichung der Oberfläche dieser relativ zum System KK mit der Geschwindigkeit vv bewegten Kugel ist:ξ2+η2+ζ2=R2.\xi^2 + \eta^2 + \zeta^2 = R^2 .Position in the moving systemPosition in the moving systemPosition in the moving systemSphere radiusExplain this equation Die Gleichung dieser Oberfläche ist in xx, yy, zz ausgedrückt zur Zeit t=0t = 0:x2(1−(vV)2)2+y2+z2=R2.\frac{x^2}{\left( \sqrt{1 - \left( \frac{v}{V} \right)^2} \right)^2} + y^2 + z^2 = R^2 .Position in the stationary systemSpeed of the moving systemSpeed of lightPosition in the stationary systemPosition in the stationary systemSphere radiusExplain this equation Ein starrer Körper, welcher in ruhendem Zustande ausgemessen die Gestalt einer Kugel hat, hat also in bewegtem Zustande — vom ruhenden System aus betrachtet — die Gestalt eines Rotationsellipsoides mit den AchsenR1−(vV)2,R,R.R \sqrt{1 - \left( \frac{v}{V} \right)^2} , \quad R , \quad R .Sphere radiusSpeed of the moving systemSpeed of lightExplain this equation

Explained in Use the same measurement protocol

[p. 903]Während also die YY- und ZZ-Dimension der Kugel (also auch jedes starren Körpers von beliebiger Gestalt) durch die Bewegung nicht modifiziert erscheinen, erscheint die XX-Dimension im Verhältnis 1:1−(v/V)21 : \sqrt{1 - (v/V)^2} verkürzt, also um so stärker, je größer vv ist. Für v=Vv = V schrumpfen alle bewegten Objekte — vom „ruhenden“ System aus betrachtet — in flächenhafte Gebilde zusammen. Für Überlichtgeschwindigkeiten werden unsere Überlegungen sinnlos; wir werden übrigens in den folgenden Betrachtungen finden, daß die Lichtgeschwindigkeit in unserer Theorie physikalisch die Rolle der unendlich großen Geschwindigkeiten spielt.

Explained in Use the same measurement protocol

[p. 903]Es ist klar, daß die gleichen Resultate von im „ruhenden“ System ruhenden Körpern gelten, welche von einem gleichförmig bewegten System aus betrachtet werden. —

Explained in Use the same measurement protocol

[pp. 903–904]Wir denken uns ferner eine der Uhren, welche relativ zum ruhenden System ruhend die Zeit tt, relativ zum bewegten System ruhend die Zeit τ\tau anzugeben befähigt sind, im Koordinatenursprung von kk gelegen und so gerichtet, daß sie die Zeit τ\tau angibt. Wie schnell geht diese Uhr, vom ruhenden System aus betrachtet?

Explained in Use the same measurement protocol

[p. 904]Zwischen die Größen xx, tt und τ\tau, welche sich auf den Ort dieser Uhr beziehen, gelten offenbar die Gleichungen:τ=11−(vV)2(t−vV2x)\tau = \frac{1}{\sqrt{1 - \left( \frac{v}{V} \right)^2}} \left( t - \frac{v}{V^2} x \right)Time in the moving systemSpeed of the moving systemSpeed of lightTime in the stationary systemPosition in the stationary systemExplain this equation undx=vt.x = v t .Position in the stationary systemSpeed of the moving systemTime in the stationary systemExplain this equation Es ist alsoτ=t1−(vV)2=t−(1−1−(vV)2)t,\tau = t \sqrt{1 - \left( \frac{v}{V} \right)^2} = t - \left( 1 - \sqrt{1 - \left( \frac{v}{V} \right)^2} \right) t ,Time in the moving systemTime in the stationary systemSpeed of the moving systemSpeed of lightExplain this equation woraus folgt, daß die Angabe der Uhr (im ruhenden System betrachtet) pro Sekunde um (1−1−(v/V)2)(1 - \sqrt{1 - (v/V)^2}) Sek. oder — bis auf Größen vierter und höherer Ordnung um 12(v/V)2\frac{1}{2} (v/V)^2 Sek. zurückbleibt.

Explained in Use the same measurement protocol

[p. 904]Hieraus ergibt sich folgende eigentümliche Konsequenz. Sind in den Punkten AA und BB von KK ruhende, im ruhenden System betrachtet, synchron gehende Uhren vorhanden, und bewegt man die Uhr in AA mit der Geschwindigkeit vv auf der Verbindungslinie nach BB, so gehen nach Ankunft dieser Uhr in BB die beiden Uhren nicht mehr synchron, sondern die von AA nach BB bewegte Uhr geht gegenüber der von Anfang an in BB befindlichen um 12tv2/V2\frac{1}{2} t v^2 / V^2 Sek. (bis auf Größen vierter und höherer Ordnung) nach, wenn tt die Zeit ist, welche die Uhr von AA nach BB braucht.

Explained in A reunion compares whole paths

[p. 904]Man sieht sofort, daß dies Resultat auch dann noch gilt, wenn die Uhr in einer beliebigen polygonalen Linie sich von AA nach BB bewegt, und zwar auch dann, wenn die Punkte AA und BB zusammenfallen.

Explained in A reunion compares whole paths

[pp. 904–905]Nimmt man an, daß das für eine polygonale Linie bewiesene Resultat auch für eine stetig gekrümmte Kurve gelte, so erhält man den Satz: Befinden sich in AA zwei synchron gehende Uhren und bewegt man die eine derselben auf einer geschlossenen Kurve mit konstanter Geschwindigkeit, bis sie wieder nach AA zurückkommt, was tt Sek. dauern möge, so geht die letztere Uhr bei ihrer Ankunft in AA gegenüber der unbewegt gebliebenen um 12t(v/V)2\frac{1}{2} t (v/V)^2 Sek. nach. Man schließt daraus, daß eine am Erdäquator befindliche Unruhuhr um einen sehr kleinen Betrag langsamer laufen muß als eine genau gleich beschaffene, sonst gleichen Bedingungen unterworfene, an einem Erdpole befindliche Uhr.

Explained in A reunion compares whole paths

[p. 921]
Zum Schlusse bemerke ich, daß mir beim Arbeiten an dem hier behandelten Probleme mein Freund und Kollege M. Besso treu zur Seite stand und daß ich demselben manche wertvolle Anregung verdanke.
[p. 921]
Bern, Juni 1905.
[p. 921]
(Eingegangen 30. Juni 1905.)

Fußnoten

  1. 1) Das heißt einen Körper, welcher ruhend untersucht Kugelgestalt besitzt. ↩

    Explained in Use the same measurement protocol

Page 891 as printed in Annalen der Physik, volume 17.
Page 891 as printed, Annalen der Physik, volume 17. Open the whole scan (PDF)